26.02.2013

Das neue Tierschutz-Label von Vier Pfoten

Was unterscheidet das Label von anderen Tierwohl-Siegeln? 2012 erfolgte die Markteinführung des von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten entwickelten Labels „Tierschutz kontrolliert“.

Es ist nicht das erste Siegel für besonders tierfreundlich erzeugte Fleischprodukte. Nachdem es lange Zeit nichts Vergleichbares auf dem deutschen Markt gab, müssen sich die Konsumenten jetzt gleich an mehrere solcher Label gewöhnen. Auch der Deutsche Tierschutzbund beispielsweise hat ein Tierwohl-Label entwickelt, die ersten gekennzeichneten Produkte kommen gerade auf den Markt. Außerdem gibt es bereits verschiedene Unternehmenssiegel, deren Anforderungen für Verbraucher teilweise nicht leicht zu durchschauen sind. Das Vier Pfoten-Siegel wird es in zwei Varianten geben: einer Einstiegsstufe („1 Stern“) und einer Premiumstufe („3 Sterne“). Die ersten Produkte, die das Label tragen, sind mit „1 Stern“ ausgezeichnete Hähnchen. Schweine- und Rindfleischprodukte sollen folgen. Die Tierärztliche Umschau hat die aktuellen Entwicklungen zum Anlass für ein Interview mit Sabine Hartmann, Tierärztin und Leiterin des Tierschutzlabel-Projekts bei Vier Pfoten, genommen.

TU: Warum hat Vier Pfoten ein eigenes Tierschutzlabel kreiert?
Sabine Hartmann: Lassen Sie mich kurz ein paar Worte zu Vier Pfoten sagen: Wir sind eine internationale Tierschutzorganisation, uns gibt es mittlerweile seit fast 25 Jahren. Derzeit sind wir in zwölf Ländern weltweit tätig, in Europa, in Asien, in Afrika und seit kurzem auch in den USA. Unser Schwerpunkt liegt aber in Europa. Und hier haben wir uns einmal angesehen, wie es mit der Kennzeichnung von Produkten tierischen Ursprungs aussieht, wo kann denn der Konsument etwas aus artgemäßer Tierhaltung finden. Die Tierschutzlabels, die es in Europa gibt, sind alles nationale Labels von nationalen Organisationen. Als internationale Organisation wollten wir nun auch ein internationales Label auf den Markt bringen, das sowohl über die EU-Gesetzgebung als auch über alle nationalen Gesetzgebungen hinausgehen sollte. Also haben wir die Gesetze in den europäischen Ländern verglichen – und gehen mit unseren Kriterien über die besten nationalen gesetzlichen Vorgaben hinaus. Aber auch im Vergleich zu den bereits bestehenden Labels gehen wir noch ein Stück weiter.

Inwiefern?
Uns ist es wichtig das Tierwohl als Gesamtes zu verbessern und auch zu erfassen. Dazu gehören nicht nur mehr Platz und bessere Strukturen in Stall und Auslauf, Vorgaben zu Genetik, Fütterung, Transport und Schlachtung, sondern auch die konkrete Erfassung des Tierwohls auf dem Betrieb und die Erhebung von aussagekräftigen Befunden an den Schlachtkörpern, die weitere Rückschlüsse auf das Management des Betriebes und den Transport zulassen.

Sehen Sie die Gefahr, dass der Verbraucher den Überblick über die verschiedenen Labels verlieren könnte?
Ja, prinzipiell ist es natürlich so: Je mehr Kennzeichnungen existieren, desto mehr muss sich der Konsument informieren. Und das ist nicht immer einfach. Auch visuell ist es nicht immer einfach, die Labels zu unterschieden. De facto ist es aber so, dass es bisher hinsichtlich einer Tierschutzkennzeichnung sehr, sehr wenig gab. Auf europäischer Ebene gibt es nach wie vor nichts. Und Politiker diskutierten zwar schon lange über nationale und EU-weite Tierschutzlabels, aber es passierte einfach nichts. Mit unserem Label möchten wir dem Konsumenten einen Ausweg aus dieser Nicht-Information zeigen und ein Siegel kreieren, das der Konsument überall wiedererkennen kann. Das heißt, wenn jemand aus Deutschland in Österreich Urlaub macht und dort unser Label sieht, soll er sagen können: ‚Das kenne ich, das ist glaubwürdig und kontrolliert.’ Aber natürlich wird es immer eine Herausforderung für den Konsumenten bleiben, wenn es mehrere Labels gibt. Aber wenn man einen gewissen Qualitätsanspruch verfolgt, sollte das kein Grund sein, kein Label anzubieten.

Die Internationalität steht bei Ihnen im Vordergrund?
Genau. Wir haben auch im Zuge dieses Projekts, also zur Ausarbeitung der Label-Kriterien für Masthähnchen, „1 Stern“, sehr eng mit Dierenbescherming, der größten niederländischen Tierschutzorganisation zusammengearbeitet, die bereits das Tierschutzkennzeichen „Beter leven“ entwickelt hatte. Wir haben sozusagen mit diesen Standards begonnen, aber diese noch weiter angehoben. Und wir sind sehr zuversichtlich, dass auch Dierenberscherming ihre Standards bei der nächsten Revision anheben wird. Solche Richtlinien stehen ja auch nicht auf ewig fest, sondern sollten einer ständigen Entwicklung unterliegen, um nach dem neuesten Wissenstand ausgerichtet zu sein.

Wer war sonst noch an der Entwicklung des Labels beteiligt?
Uns ist wichtig, dass unsere Forderungen auf wissenschaftlichen Aspekten basieren. Deshalb haben wir eng mit Kollegen aus der Wissenschaft zusammengearbeitet. Je nach Tierart bzw. für unterschiedliche Aspekte arbeiten wir mit verschiedenen Partnern zusammen. Um den Kriterienkatalog für die Masthähnchen zu erstellen haben wir etwa sehr eng mit der Veterinärmedizinischen Universität Wien und dem niederländischen Forschungsinstitut Wageningen zusammengearbeitet. Bei anderen Tierarten arbeiten wir auch mit der Universität für Bodenkultur oder dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau in der Schweiz zusammen.


Aber die ersten Produkte gibt es bislang nur in Deutschland zu kaufen?
Ja, die offizielle Markteinführung war am 9. November 2012. Dabei handelt es sich um die bereits erwähnten mit „1 Stern“ ausgezeichneten Hähnchen der Marke FairMast. Kaufen kann man die Produkte in den Filialen von Kaufland in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg- Vorpommern, Sachsen, Sachsen- Anhalt und Thüringen. Ab Mitte Januar 2013 wird der Verkauf auf ganz Deutschland ausgeweitet. Wir bereiten aber auch die Markteinführung in anderen europäischen Ländern vor. Lizenznehmer ist die Plukon Food Group bzw. dessen deutsche Tochter Friki. Plukon hatte bereits in den Niederlanden das „Beter leven“-Label mit entwickelt. Uns gingen die Kriterien aber wie gesagt zum Teil nicht weit genug, weshalb wir uns mit Plukon auf weitere Verbesserungen geeinigt haben.

Zum Beispiel?
Die Erfassung des Tierwohls nach Kriterien des Welfare Quality Projekts der EU-Kommission und weitere Verbesserung der Strukturen im Stall: Wir haben zunächst die Anzahl der angebotenen Strohballen verdoppelt und werden nun in einem wissenschaftlich begleitetem Versuch noch weitere Strukturen wie erhöhte Ebenen und Sitzstangen testen.

Wie wird die Umsetzung der Kriterien kontrolliert?
Kontrollen sind für uns ein ganz wichtiger Punkt, das sollte sich auch im Namen des Labels – „Tierschutz kontrolliert“ – widerspiegeln. Einerseits gibt es natürlich Vorgaben wie etwa zur Haltungsform, die kontrolliert werden. Es gibt aber auch konkrete Vorgaben, wie das Tierwohl als solches erfasst werden soll. Als Vorbild diente uns wie bereits erwähnt das Welfare Quality Projekt, in dessen Rahmen untersucht wurde, wie Tierwohl auf landwirtschaftlichen Betrieben erhoben werden kann. Wir arbeiten deshalb auch mit den Wissenschaftlern des EU-Projekts zusammen und diese schulen nun die Kontrolleure der unabhängigen Zertifikationseinrichtungen entsprechend, damit sie auch diese Aspekte erheben können. Die Kontrolleure erheben also nicht nur leicht messbare Parameter wie die Besatzdichte, sondern sie schauen sich auch an, wie die Tiere in dem Betrieb aussehen, um Rückschlüsse auf das Management ziehen und gegebenenfalls Verbesserungen erzielen zu können.

Wer führt die Kontrollen durch?
Die Kontrollen werden durch akkreditierte Kontrollstellen durchgeführt, aber die Kontrolleure müssen die von uns entwickelte Schulung zur Erhebung tierbezogener Parameter absolviert haben, damit sie zugelassen werden und damit auch die Kontrollstelle von uns anerkannt wird. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass wir natürlich auch Überkontrollen durchführen, das heißt Mitarbeiter von Vier Pfoten führen diese Überkontrollen auf den Betrieben und am Schlachthof durch und kontrollieren quasi die Kontrollen.

Wie häufig wird kontrolliert?
Jeder Betrieb wird von den Kontrollstellen jährlich kontrolliert. Ob Vier Pfoten zusätzlich vorbeischaut, hängt davon ab, was wir bei der Einsicht der Kontroll-Checklisten sehen. Wenn wir feststellen, dass bei einem Betrieb Probleme sind, kann es sein, dass der uns mehrmals jährlich sieht. Wenn es dagegen ein Betrieb ist, bei dem alles in Ordnung ist, kann es auch sein, dass er uns erst wieder nach eineinhalb Jahren sieht. Wir machen das sehr risikobasiert. Wichtig ist auch, dass bei uns die Kontrollen nicht nur im Betrieb stattfinden, sondern dass auch Transport und Schlachtung in die Kontrollen mit einbezogen werden. Hier ist vielleicht auch die wichtigste Abgrenzung zur ökologischen Landwirtschaft. Dort hört der Tierschutz gewissermaßen an der Stalltür auf, alles andere wird ganz konventionell geregelt.

Und wie kontrollieren Sie Transport und Schlachtung?
Also einerseits wird der Transport dadurch kontrolliert, dass wir die höchste Transportzeit mit vier Stunden festgelegt haben. Das kann natürlich anhand der Transportpapiere überprüft werden. Andererseits wird der Transport und respektive auch das Fangen – wenn wir bei Mastgeflügel bleiben – dadurch kontrolliert, dass tierbezogene Parameter am Schlachthof erhoben werden. Wenn ich dort zum Beispiel sehe, dass vermehrt Flügel- oder Beinbrüche vorkommen, kann ich davon ausgehen, dass beim Fangen etwas nicht funktioniert. Wir können uns dann an das Transportunternehmen wenden, können uns das Fangen ansehen und so das ganze Management positiv beeinflussen. Weitere Parameter, die für uns am Schlachthof von jeder Herde erhoben werden, sind Futter im Kropf, Blutergüsse an der Brust, auf den Beinen und Flügeln, Fersenhöckerdermatitis, Fußballendermatitis, Verletzungen, Gleichförmigkeit der Tiere, Frakturen, Brustblasen, Verwürfe und Verwurfursachen. Festgelegte Höchstwerte lassen Rückschlüsse auf ein schlechtes Management im Betrieb zu.

Wie schlägt sich der zusätzliche Aufwand für den Landwirt – z. B. mehr Platz für die Tiere, Auslauf – auf den Preis des Endprodukts nieder?
Uns ist es wichtig, dass das Label nachhaltig betrieben wird, das heißt wenn sich ein Betrieb dazu entschließt, bei diesem Programm mitzumachen und dafür beispielsweise bauliche Veränderungen anstehen, dann versuchen wir Absatz- und auch Preissicherheit zu garantieren. Wird der zusätzliche Aufwand nur innerhalb der Produktionskette abgefedert, funktioniert das meist nur kurzfristig. Bei den Produkten muss sich der Mehrwert für den Konsumenten deshalb natürlich auch im Preis niederschlagen.

Wie viel teurer sind die Produkte?
Das hängt immer ein bisschen davon ab, wie viele Veränderungen notwendig sind und wie teuer die sind. Im Bereich des Masthühnchens „1 Stern“ liegen wir im Moment bei ca. 30 Prozent über dem konventionellen Produkt.

Darf jeder Betrieb mitmachen?
Für uns ist ausschlaggebend, dass das System unseren Kriterien entspricht und wie es den Tieren geht. Das heißt es können bei der Eingangs- oder bei der jährlichen Überprüfung kleine und große Betriebe gleichermaßen rausfliegen. Prinzipiell ist es uns natürlich ein Anliegen, dass die Landwirtschaft kleiner strukturiert bleibt, weshalb wir froh sind, wenn auch kleine und mittlere Betriebe mitmachen. Aber wir wollen auch im konventionellen System möglichst vielen Tieren helfen. Deshalb ist das Label auch zweistufig. So kommt man leichter raus aus der Premiumschiene und bleibt für alle offen, die wirklich ernsthaft unser System umsetzen wollen. Da ist der Knackpunkt: Wir müssen das Gefühl haben, es sind Partner, die ernsthaft am Tierwohl arbeiten wollen.

Interview: IB

Kontakt:
VIER PFOTEN
Stiftung für Tierschutz
Schomburgstraße 120
22767 Hamburg
office(at)vier-pfoten(dot)de
www.vier-pfoten.de


« zurück zu "News"

Share |