21.08.2017

Dürfen wir Tiere nutzen? – Und wenn ja: wie? –

Seit bald vierzig Jahren setzt sich Billo Heinzpeter Studer¹ für einen ethisch verantwortbaren Umgang mit Tieren ein, ...

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... welche zu menschlichem Nutzen gehalten werden. Seine Erfahrungen beziehen sich vor allem auf Landwirtschaft, Fischerei und Aquakultur. Ihn beschäftigt, dass Menschen, die sich in unterschiedlicher Weise für das Wohl von Tieren einsetzen, oft die Unterschiede betonen und nicht das Gemeinsame ihres Anliegens. Lassen sich die Gräben zwischen, vereinfachend gesagt, Tierschützern und Veganern produktiv überwinden? Das wollte Studer im Rahmen eines Buchprojekts2 ausloten.

Rund tausend Personen, die sich für das Wohl der Tiere einsetzen, lud ich ein, zu folgenden Fragen Stellung zu nehmen: Es mehren sich wissenschaftliche Erkenntnisse, dass Tiere verschiedenster Arten Leiden bewusst empfinden, über Persönlichkeit verfügen und als Individuen zu betrachten sind. Ja: dass Tiere Lust empfinden, Spass haben und „sinnlose“ Dinge tun wie spielen. Nehmen wir einmal an, es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich das für jede vom Menschen genutzte Tierart nachweisen lasse:

  • Welche Nutzung ist dann für Dich selber noch vertretbar?
  • Welche Nutzung hältst Du für die Menschheit insgesamt noch für zulässig?
  • Wie würdest Du „Tierwohl“ definieren?

38 Personen haben sich der Mühe unterzogen, mit einem eigenen Text zu antworten. Größer war die Zahl jener, welche die Idee des Buchs begrüßten, aber bedauerten, wegen dringender Aufgaben in der Forschung oder im Tierschutz keine Zeit dafür erübrigen zu können. Was heißt es für das Wohl von Tieren, wenn den Menschen, die sich führend hierfür einsetzen, keine Muße bleibt zur kritischen Reflexion des eigenen Tuns? Müsste solches Nach- und Vorausdenken nicht wie Weiterbildung gepflegt werden?

Das ganze Spektrum: Von der Natürlichkeit der Nutzung...

Die Beiträge der 38 Autor/innen widerspiegeln das ganze Spektrum an Haltungen gegenüber Tieren, von einer möglichst schonenden Nutzung bis zum teilweisen oder völligen Verzicht hierauf. Die ersten Beiträge im Buch stellen dessen Grundfrage selber in Frage. Der Zürcher Schriftsteller Heinz Emmenegger warnt vor der Gefahr, die in jeder radikalen Antwort steckt: Essend töten wir. Schuldlos sein zu wollen, ist gefährlich. Dem Kieler Biologen Stefan-Andreas Johnigk sagen Persönlichkeit, Spaß und Spiel bei Tieren wenig, er hätte lieber eine objektive Gewichtung des gegenseitigen Nutzens zwischen Mensch und Tier. Und der Basler Lebensmittelingenieur Peter Jossi zeigt, wie schon Ernährungsvorschriften, die in biblischen Zeiten entstanden, die Nutzung von Tieren zu beschränken versuchten.
Es folgen Beiträge von Personen, welche die Nutzung von Tieren als für Menschen natürlich betrachten: Der Schweizer Bauernverbandspräsident und Biobauer Markus Ritter, der Berliner Betriebswirt Andreas Tilk, der sich mit Aquakulturabsichten trägt und industrielle Tierhaltung artgerecht machen will, der österreichische Stallbaufachmann und Professor für Nutztierhaltung Helmut Bartussek, Vater des Tiergerechtheitsindexes, der Zürcher Fischerausbilder und Krebsexperte Rolf Schatz, die Basler Nutztierethologin Nadja Brodmann und der Bündner Tierarzt und Hobbyfischer Andrea Meisser – sie alle betonen, dass die von ihnen befürwortete Nutzung mit größtmöglicher Rücksichtnahme auf die Tiere verbunden sein müsse.

...über die sanfte Nutzung ohne Tötung...

Wenn die Sorge um den schonenden Umgang ins Zentrum der Überlegungen gelangt, nehmen die Zweifel am Nutzendürfen zu. Für den Berner Amtstierarzt, Hobbyfischer und Tierschützer Rolf Frischknecht geht Tierwohl vor Tiernutzung. Die Zürcher Biologin und Fischexpertin Claudia Kistler gesteht ihr Dilemma bei gelegentlichem Verzehr von tierischen Produkten. Die Umweltingenieurin Daniela Brunner verlangt mehr Elternschaft über die uns anvertrauten Tiere. Und die Bremer Agraringenieurin Janet Strahl plädiert für eine sanfte Nutzung ohne Tötung von Tieren.
Die Überleitung zu noch nutzungsskeptischeren Stimmen macht der Berliner Tierarzt und Philosoph Jörg Luy, der nach einem geschichtlichen Abriss der philosophischen Auseinan- dersetzung mit dem Verhältnis von Menschen zu Tieren die Möglichkeit eines „fairen Deals“ auslotet. Dem schließen sich die Gedanken des Zürcher Ethologen und Tierschützers Bernhard Trachsel an, der zwar annimmt, dass die Nutzung von Tieren sich zu einer Eigenart des Menschen entwickelt habe, aber fordert, dass Tiere nicht instrumentalisiert werden dürfen. Der Wiener Veterinärprofessor Rudolf Winkelmayer gelangt in der Auseinandersetzung mit der Jagd zum Schluss, dass nur der Schutz von Biodiversität und Kulturlandschaft hinreicht, eine „Ultima-Ratio-Jagd“ zu rechtfertigen. Die Zürcher Meeres- schützerin Sigrid Lüber beleuchtet kritisch verschiedene Nutzungen von Tieren, auch von Delfinen und Hunden; die Reduktion des Fleischkonsums sieht sie als ersten gesellschaft- lichen Schritt (den sie selber nach ihrem Beitrag machte). Der Bieler Umweltaktivist Yves Zenger sieht Tiere als Geschwister und isst deren Fleisch ausnahmsweise, wenn es ohne Leiden gewonnen wurde. Die britische Tierpsychologin Emily Patterson-Kane plädiert für die Utopie eines Verhältnisses zwischen Mensch und Tier, das auf vollkommener gegenseitiger Nützlichkeit beruht – ein Gedanke, der auch in weiteren Beiträgen auftaucht.

...bis zum Verzicht auf tierische Lebensmittel...

Noch zurückhaltender gegenüber der Nutzung von Tieren äußert sich der Zürcher Maschineningenieur und Tierschützer Helmut Ziegler, der Menschen, Tiere und Pflanzen als ethisch gleichwertig ansieht. Der Berner Philosoph und Tierrechtsaktivist Klaus Petrus baut eine Brücke von den Tiernutzern zu jenen Menschen, die zumindest beim Essen auf das Nutzen von Tieren verzichten: Selber Veganer, verurteilt er die Nutzung von Tieren nicht kategorisch, sondern beurteilt Schritt für Schritt deren individuelle und gesellschaftliche Vermeidbarkeit mit dem Ziel, unnötiges Leiden zu verhindern.
Die folgenden Beiträge gehen zunehmend auf Distanz zur Nutzung von Tieren. Der ehema- lige Zürcher Rechtsanwalt für Tierschutz in Strafsachen, Antoine Goetschel, betont die Bedeutung des sich weiter entwickelnden Rechts, welches einst erlaubte Tiernutzungen nicht mehr zulässt; die so geschaffenen Standards wirken auch dann positiv, wenn sie weniger streng ausfallen mögen als die eigene persönliche Haltung. In anderer Weise ebenso pragmatisch argumentiert der Londoner Nutztierschützer und Veganer Phil Brooke, für den die Zahl der von Leid betroffenen Tiere ein entscheidender Faktor des Tierwohls ist: Für die Gesellschaft sieht er die Aufgabe darin, das Leid genutzter Tiere wo immer möglich zu reduzieren, eben auch durch Reduktion ihrer Zahl.
Der gelernte Bauer, Theologe und Ethiker Thomas Gröbly anerkennt, dass Leben ohne Einschränkung von anderem Leben prinzipiell nicht möglich ist, ein Konflikt, der oft verdrängt wird, weshalb Leiden nicht wahrgenommen wird. Daher begrüßt er jede Nichtnutzung von Tieren. Die britische Nutztierschützerin Joyce D’Silva lebt schon lange vegan, weil sie mit dem Essen von tierischen Produkten nichts zu tun haben will – was sie nicht hindert, sich für das Wohl genutzter Tiere zu engagieren. Die Aargauer Schauspielerin und Autorin Doris Brunner plädiert für bewusstes Wahrnehmen von Tieren, damit der Unterschied zwischen Tierwohl und Menschenwohl schwindet. Der langjährige Schweizer Vegan-Aktivist Renato Pichler stellt nicht den Verzicht auf die Nutzung von Tieren in den Vordergrund, sondern die Partnerschaftlichkeit im Verhältnis zwischen Mensch und Tier, bei der die Bedürfnisse beider Seiten gleichermaßen berücksichtigt werden. Der bekannte Schweizer Journalist Erich Gysling dagegen sagt unumwunden: Fleisch ist der helle Wahnsinn!

...und zum Verzicht auf Nutzung überhaupt

Der seit seinem Buch „Tierisch vergnügt“ auch im deutschen Sprachraum prominente britisch-amerikanische Ethologe Jonathan Balcombe geht von der Überlegung aus, dass ein fühlendes Wesen so behandelt werden soll wie ein Mitmensch; konsequenterweise ist er Veganer. Der Ansatz des deutschen Germanisten und Kulturwissenschafters Björn Hayer ist radikaler: Selbst wenn ein Tier kein Bewusstsein haben sollte, stellt sich vor dessen Nutzung die Frage, wer uns denn das Recht hierzu geben könne – wenn nicht das betroffene Tier selbst. Der Ansatz bei Bewusstsein und Schmerzempfinden ist allerdings noch stark verankert in der Debatte. So auch in der Argumentation des belgischen Physikers und Moralphilosophen Stijn Bruers, der in einer ausführlichen Darlegung zum Schluss kommt, dass wir empfindungsfähige nicht-menschliche Tiere nicht in einer Weise nutzen dürfen, die wir gegenüber Menschen nicht erlauben würden.
In ähnlicher Weise lehnt die schwedische Biologin und Tierrechtlerin Lena Lindström jegliche Nutzung von fühlenden Wesen ab. Auch der inzwischen leider verstorbene Schweizer Kapuziner, Autor und Tierschützer Anton Rotzetter geht von der Empfindsamkeit der Tiere aus und fordert ein Wegkommen von deren Nutzung. Am radikalsten lehnt jede Nutzung von Tieren jene Frau ab, die sich seit Jahren für das Wohl der Tiere auf den langen Transporten zum Schlachthof einsetzt: Die deutsche Pfarrerin und Heilpraktikerin Christa Blanke weist das Nutzen von Tieren kategorisch zurück; denn mit dem Nutzen für den Stärkeren sei immer auch Schaden für den Schwächeren verbunden.

Es geht weniger um Schmerz als ums Wohl

Nach meinem eigenen Verständnis ist das Wohl eines Tieres garantiert, wenn es das Potential seiner Art ausleben und seine Individualität entwickeln kann. Oder, in den Worten des Schweizer Tierschutzgesetzes: Wenn die Würde des Tieres, also sein intrinsischer Wert, respektiert wird.
Aber was ist mit Schmerz, Leiden und Stress? Sind die nicht von erstrangiger Bedeutung fürs Tierwohl? Die vorherrschende ethische Theorie über den Umgang des Menschen mit Tieren, der Pathozentrismus, gründet tatsächlich auf der Haltung vieler Wissenschaftler und Ethiker, welche das Schmerzempfinden in den Vordergrund stellen. Sie behaupten mit anderen Worten, ein Tier verdiene umso mehr Rücksicht, je mehr es offensichtlich Schmerz zu empfinden vermag. Diese Theorie ist allerdings nicht in der Lage, zu erklären, warum wir uns um das Wohl von einigen Arten kümmern sollen, während wir die gleiche Pflicht gegenüber dem großen Rest des Tierreichs von uns weisen – vom Pflanzenreich ganz zu schweigen. Stellen Sie sich einmal vor, ganz frei zu sein von Schmerz, frei von Leiden und ohne Stress – würden Sie dann beteuern, dass sie ein gutes Leben führen? Sie würden das sicher nicht sagen, wenn Sie nicht auch Momente der Freude erleben würden und wenn Sie nicht wenigstens von Zeit zu Zeit das Gefühl hätten, Ihr Potential auszuschöpfen und sich selber als eigene, ausgeprägte Person wahrzunehmen.
Warum also soll ein Tier sich wohl fühlen, nur weil es keine Schmerzen hat, nicht leidet und nicht im Stress ist? Indem ein Tierhalter sein Bestes tut, damit seine Tiere das Potential ihrer Art ausleben und ihre Individualität entfalten können, und indem er ihnen den Raum für positive Erfahrungen verschafft, auch für vermeintlich „sinnloses“ Spielen, vermindert er automatisch Schmerzen, Leiden und Stress. Wenn ein Tierhalter hingegen seine Anstrengungen darauf konzentriert, Schmerzen, Leiden und Stress seiner Tiere zu verringern, werden sie nicht automatisch ihr Potential ausleben können.

Individuelle Moral und kollektive Ethik

Ein Grundproblem in der Debatte über das Tierwohl sehe ich in den gegenseitigen Beschuldigungen zwischen jenen, die Tiere auf die eine oder andere Weise schonend nutzen, und denen, die sich vorgenommen haben, Tiere überhaupt nicht zu nutzen. In der Realität gibt es mehr als nur diese zwei Lager; sie alle versuchen, die jeweils anderen zu Anhängern des eigenen Glaubens zu machen.
Die Tierwohl-Debatte ist blockiert durch die Vermischung zweier Entscheidungen, die zu treffen sind:

  • a) eine individuelle moralische Entscheidung (Tiere nutzen oder nicht nutzen)
  • b) die kollektive ethische Entscheidung darüber, wie wir uns mit Tieren verhalten wollen, unabhängig davon, ob und wie sie genutzt werden.

Infolgedessen gerät die Debatte zu einem moralischen Krieg zwischen Parteien, die sich so kaum auf eine gemeinsame Aussage einigen werden. Wir könnten stattdessen versuchen, die moralische Frage klar von der ethischen zu unterscheiden. Wir könnten von der Feststellung ausgehen, dass jedes Tier, einschließlich des Menschen, vom Verzehr anderer Lebewesen abhängt. Wir könnten zweitens in Betracht ziehen, dass der Mensch in den letzten 70.000 Jahren zum obersten Raubtier geworden ist, das alle anderen Lebewesen nutzt, trotz seiner schwachen physischen Voraussetzungen, die ihn eher zum Beutetier bestimmten. Wir könnten drittens so intelligent sein, zu verstehen, dass unsere außerordentliche Stellung im Kosmos unserer einzigartigen Begabung des kollektiven Erzählens zu verdanken ist, das uns zuvor unglaubliche Dinge erfinden ließ3, und dass es im Übrigen keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der Tierart Homo sapiens und allen andern Tieren gibt4.

Die Super-Verantwortung des Super-Raubtiers

Das müsste uns endlich zum Schluss führen, dass der herausragenden Stellung des Super-Raubtiers Mensch eine implizite Bindung innewohnt: Wenn wir fähig waren, kollektiv unser Überleben an der Spitze der Natur zu erfinden, sind wir nolens volens in einer endlosen und unausweichlichen kollektiven Selbstreflexion darüber verstrickt, was wir dürfen und was nicht.
Die herausragende zivilisatorische Leistung, mit der wir, physiologisch zur Beute bestimmt, zur bis jetzt einzigen Art wurden, die an keine ökologische Nische mehr gebunden ist, lässt sich nicht wieder weg erzählen. Es ist uns nicht möglich, unsere kollektive Intelligenz fürs Rauben zu nutzen, sie aber für alles andere auszuschalten; die kollektive Erzählung geht unaufhörlich weiter. Wir haben die Unschuld von Raubtieren verloren, die einfach die ihnen von der Natur zugewiesene ökologische Nische ausbeuten.
Die einzige Möglichkeit, uns mit unserem nicht endenden geistigen Unwohlsein zu versöh- nen, besteht darin, für unser Tun ein ethisches Fundament zu finden. Auf jede Art der Nutzung anderer Lebewesen zu verzichten mag eine individuelle moralische Wahl sein, ist aber offensichtlich keine Option für die Menschheit insgesamt. Hingegen können wir als Menschheit eine gemeinsame Philosophie entwickeln, die alle Formen des Lebens anerkennt und respektiert, und dabei besonders jene Lebewesen, die wir nutzen.
Wenn wir das Zusammenleben mit einem Haustier brauchen, können wir unser Interesse darauf konzentrieren, herauszufinden, wie dieses Tier aus eigenen Stücken am liebsten leben würde, und wie wir ihm dies ermöglichen können. Wenn wir Brot essen müssen, können wir wenigstens dazu beitragen, herauszufinden, wie das Weizengras aus sich selbst heraus leben möchte, und die Landwirtschaft entsprechend zu verändern. Wenn wir jagen oder fischen müssen, sollten wir zuerst herausfinden, wie das Tier sich in seiner Natur verhält und wie wir es auf die schonendste Weise fangen, betäuben und töten können, ohne dass es lange leiden muss. Wenn wir ein Stück Fleisch essen müssen, könnten wir wenigstens Initiativen unterstützen, welche sich für die rücksichtsvollste Art der Zucht, der Haltung und der Schlachtung von Tieren einsetzen.
Unabhängig davon, welche moralische Entscheidung wir individuell auch immer treffen mö- gen, können wir gemeinsam zur Entwicklung einer philosophisch weniger widersprüchlichen Haltung beitragen: zu einer Ethik, die das Nutzen von und den Respekt für andere Lebewesen in Einklang bringt.
Wenn wir akzeptieren, dass unser Leben in jedem Fall vom Verzehr anderer Lebewesen abhängt, gibt es keinen prinzipiellen ethischen Widerspruch zwischen dem Essen eines Tiers und dem Einsatz für das Wohl der Tiere. Es können natürlich viele individuelle Widersprüche auftauchen, wie zum Beispiel, sich wie ein Tierschützer zu verhalten, aber beim Einkauf keinen Unterschied zu machen zwischen schonungslos und rücksichtsvoll gewonnenen tierischen Produkten. In ähnlicher Weise wäre es scheinheilig, auf vollkommen artgerecht gehaltenen Tieren zu bestehen, sich aber um die ökologischen oder sozialen Folgen einer Tierhaltung zu foutieren. Alles in allem heißt die eigentliche Frage:

Was macht das Leben eines Lebewesens „gut“?

  1. Am Leben zu sein, natürlich – doch was ist, nach dem Tod, der unverzichtbare Bestandteil eines Lebens, anhand dessen man beurteilen könnte, dass es gut war?
  2. Das Potential der eigenen Art auszuleben. Im Fall der menschlichen Art heißt das: lernen, Aufgaben erfolgreich lösen, besondere Momente geniessen, in guter Gesellschaft sein, sich auf starke Beziehungen verlassen können, mit Befriedigung auf den eigenen Lebensweg zurückblicken können, das Gefühl haben, von jemandem vermisst zu werden nach dem eigenen Tod ... Aber was könnte es für die Tiere bedeuten, das Potential der eigenen Art auszuleben?
  3. Sich zunehmend von Artgenossen zu unterscheiden. Bei Menschen ist das ein grundlegender Zug, verbunden mit der Entwicklung von Selbstbewusstsein und Persönlichkeit. Warum soll das so anders sein bei manchen, wenn nicht gar bei allen Tierarten? Wie sonst würden Sie denn zum Beispiel die Präzision in der Bewegung eines schnell vorbeischiessenden Fisch- oder Vogelschwarms erklären, wenn nicht als Interaktion von Individuen? Als maschinellen Ablauf? Mit dem Einfluss fremder Kräfte? Mit Gott?

Ja, sogar bei scheinbar so einfachen und uniformen Wesen wie Fischen haben Biologen Anzeichen für Persönlichkeit gefunden: bei Salmoniden (Regenbogenforelle, Meerforelle, Atlantiklachs), bei Goldbrassen oder bei Nil-Tilapia. Das sollte uns nicht überraschen, da Persönlichkeitsmerkmale ja sogar schon bei Wirbellosen entdeckt worden sind, so bei Grillen5. Die von mir geleitete Fisch-Ethologie-Datenbank FishEthoBase6 sucht mit Absicht auch nach Forschungsresultaten, die viele Wissenschaftler bisher für Fische nicht in Betracht ziehen und oft noch gar nicht in Betracht ziehen wollen, wie Spiel, Freude, Lust, Selbsterkenntnis und eben Persönlichkeit.
Ich bin mir selbstverständlich der grossen Vielfalt an unterschiedlichen Definitionen des Tierwohls bewusst. Wo es um die letzten Wirbeltiere geht, deren Wohlseinkönnen ins menschliche Bewusstsein gelangte, um die Fische, finden wir am konservativen Ende des Kontinuums noch einige Wissenschaftler, welche den Fischen die Fähigkeit zu bewusstem Schmerzempfinden absprechen. Ihnen gegenüber steht eine Mehrheit von Wissenschaftlern, die laufend weitere Belege für ein Schmerzbewusstsein bei Fischen wie auch bei Zehnfusskrebsen erbringen. Am progressiven Ende des Kontinuums finden wir eine kleine, aber wachsende Gruppe von Forschern, die über das Schmerzthema hinausdenken und ein Fischwohl-Konzept vertreten, das auch Freude umfasst und in Wahlexperimenten herauszufinden versuchen, was Fische mögen und was nicht.

Veränderung im Verhalten zu anderen Lebewesen

Was ich bei meinem Engagement zur Verbesserung des Wohls von Nutztieren im Kern wollte und will, ist eine Veränderung im Bewusstsein und im Verhalten vieler Menschen gegenüber Tieren, gegenüber anderen Lebewesen überhaupt. Ob dies schließlich zu einer veganen Lebensweise ganzer Gesellschaften führen wird oder zu einer massiven Reduktion von Tierhaltung bei gleichzeitig viel höheren ethischen und praktischen Standards im Umgang mit Tieren, ist für mich nicht entscheidend – wichtig ist mir eine Transformation auf individuell-moralischer wie auf kollektiv-ethischer Ebene, die sich – wenn sie Bestand haben und Entfaltung finden soll – nicht auf das Verhalten gegenüber Tieren beschränkt, sondern alles Leben umfasst; ja: auch das Verhalten gegenüber Menschen!
Das wird nur gelingen, wenn die verschiedenen Szenen, die irgendetwas beschützen wollen, gemeinsam statt gegeneinander handeln. Wenn statt des Beharrens auf dem Vorrang des je eigenen Anliegens die Bereitschaft entsteht, anderen zuzuhören und im eigenen Sturmschritt auch einmal innezuhalten, damit alle gemeinsam weiterkommen. Statt Rechthaberei auf dem eigenen, wenn auch verzweifelt schmalen Pfad etwas mehr intellektuelle Großzügigkeit gegenüber den Wegen anderer zum selben Fernziel, verbündet als ähnlich Gesinnte.
Noch bleibt das Ziel fern. Die 39 Buchbeiträge lassen die Vermeidung von Leid (und die Förderung von Lebensfreude) als gemeinsamen Nenner erkennen. Dieser im Kern pathozentrische Ansatz erscheint mir noch zu schmal für eine wirksame gemeinsame Haltung. Zu leisten bleibt eine genauere Beschreibung jenes gegenseitigen Zunutzeseins, das von allen hier Beteiligten als Rechtfertigung für die Nutzung eines Tiers anerkannt würde. Dahinter steckt die grundlegende Frage: Ist eine gemeinsame Ethik des Nutzens von anderem Leben denkbar, die es der Moral des Einzelnen überlässt, ob und wie er nutzt? Erst recht die im Buch ebenfalls gestellte Frage nach der Nutzung von Pflanzen erhellt: Nein, wir sind noch nicht so weit, auch wenn die Autor/innen des Buchs durch ihre Teilnahme eine erfreuliche Toleranz untereinander zeigen.

Anmerkungen zu den Abbildungen:
Die Bilder stammen von der Künstlerin Irmi Studer-Algader und sind von den
Beiträgen im Buch inspiriert.

Kontakt:
Billo Heinzpeter Studer
President
fair-fish.net international association
Zentralstrasse 156
8003 Zürich
Schweiz
international@fair-fish.net
www.fair-fish.net

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1 Billo Heinzpeter Studer leitete die Schweizer Nutztierschutzorgansation KAGfreiland und gründete 2000 die Fischschutz-
Organisation fair-fish, die er heute präsidiert. Er lebt in Italien.
2 Billo Heinzpeter Studer (2017, Ed.): Tiere nutzen? Und Pflanzen? Verlag edition mutuelle, Winterthur. 360 S., illustriert,
ISBN 978-3-9524784-0-0, www.tierethik.ch.
3 Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit, DVA, 2013, S. 353 ff.
4 Richard David Precht, Tiere denken. Goldmann, 2016, S. 29-126.
5 Quellenangaben im Buch
6
fishethobase.fair-fish.net/de

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