24.05.2019

»Lang lebe die Kuh«

Mit Fruchtbarkeit, Leistung und Gesundheit kann eine Milchkuh es schaffen, ein paar Jahre älter zu werden als die durchschnittlichen 5,5 Jahre. Wenn sie Pech hat, muss sie nicht einmal krank sein, ...

Dr. Anke Römer

Mit Fruchtbarkeit, Leistung und Gesundheit kann eine Milchkuh es schaffen, ein paar Jahre älter zu werden als die durchschnittlichen 5,5 Jahre. Wenn sie Pech hat, muss sie nicht einmal krank sein, um noch in der ersten Laktation beim Schlachter zu landen. Die Agrarwissenschaftlerin PD Dr. Anke Römer hat gute Argumente für eine längere Kuh-Lebenszeit.

 

Eine Kuh kann gut über 20 Jahre alt werden, eine deutsche Milchkuh wird im Durchschnitt aber nur 5,5 Jahre alt!

Anke Römer: Ja leider, älter werden Kühe im Durchschnitt nicht, aber ihre Nutzungsdauer hat sich in den vergangenen Jahren etwas erhöht: ungefähr auf 37 Monate. Jungrinder werden mittlerweile früher trächtig. Als Kuh wird ein Rind erst nach der 1. Kalbung bezeichnet.

Ist eine frühe Trächtigkeit für Jungrinder nicht ein gesundheitliches Problem?

Römer: Nein. Kälber sind heute gesünder und frühreifer. Ein Jungrind kann nur früh tragen, wenn es in seinen ersten Lebenswochen ausreichend Tränke oder genügend Energie und Protein bekommen hat und eine entsprechende Zellvermehrung stattfindet. Früher wurden Kälber zum Teil recht restriktiv ernährt, weil man Angst vor Durchfall hatte. Mit den neuen Nuckeltränken ist diese Gefahr weitgehend gebannt, und die ganz jungen Tiere können sogar ad libitum trinken.

Sie setzen sich ja seit Langem dafür ein, Kühe länger leben zu lassen, auch weil ältere Tiere in punkto Milchleistung durchaus mit jüngeren Tieren mithalten können oder sie sogar übertreffen. Dazu gibt es genügend Studien. Wieso setzt sich diese Erkenntnis so langsam durch?

Römer: Man sollte nicht verschweigen, dass eine junge Kuh natürlich Vorteile hat. Sie wird seltener krank, der Zuchtfortschritt ist schneller und ihre Milch enthält meist weniger somatische Zellen. Ältere Kühe machen durchaus Arbeit, sind anspruchsvoll in der Haltung – leisten aber eben mehr.

Fast 30 Prozent der gemerzten Kühe sind noch in der ersten Laktation, und davon dann auch noch die meisten innerhalb der ersten 30 Tage. Das scheint doch widersinnig.

Römer: Ökonomisch ist das verheerend. Die Aufzucht einer Jungkuh kostet etwa 1700 Euro, mehr als das Doppelte des Preises, den der Schlachter für sie zahlt. Die Investitionen in eine Milchkuh amortisieren sich erst nach 2,5 Laktationen – je nach Kosten und Erlösen.

Gibt es eine optimale Lebensdauer für Milchkühe?

Römer: Ich stöbere gern in alten Büchern und fand in einem Fachbuch von 1924 den Satz: Eine Kuh sollte nicht älter als 15 Jahre werden – bei uns unvorstellbar. Auf die heutigen Bedingungen bezogen würde ich keine bestimmte Zahl nennen, das wäre zu pauschal. Das Optimum der Nutzungsdauer ist erreicht, wenn die erwartete Laktationsleistung geringer ist als die von Jungkühen. Eine Untersuchung von Leiber et al. an Dauerleistungskühen ergab, dass deren Milchleistung bis zur neunten Laktation steigt und noch in der zwölften besser sein kann als die von Jungkühen.

Warum schicken den Landwirt ihre Kühe so früh zum Schlachter?

Römer: Angegeben werden meist Euterprobleme. Aber bei vielen ist es auch so, dass sie in ihren Herden relativ viele Jungkühe haben. Von denen müssen etliche weichen, wenn die nachgewachsenen Tiere aus eigener Zucht in die Herde aufgenommen werden. Die gemerzten Tiere sind also gar nicht immer krank oder unfruchtbar, sondern sie müssen schlicht Platz machen.

Gibt es aus Ihrer Sicht eine Lösung dafür?

Römer: Ja, eine sinnvolle Strategie ist – wie viele Betriebe es auch schon machen – überzählige Kälber und Jungkühe an andere Betriebe zu verkaufen. Oder die Kühe mit Fleischrindsperma besamen zu lassen und die Kälber dann an Mastbetriebe zu verkaufen.

Ein Argument für Merzungen ist ja auch die Unfruchtbarkeit. Ist die wirklich so häufig?

Römer: Wenn drei Besamungen nicht erfolgreich sind, spricht man von Unfruchtbarkeit. Bei Kühen mit hoher Milchleistung kommt der Zyklus nach der Kalbung aber erst spät wieder in Gang. Schnelle Merzungen aus diesem Grund sind daher ungerechtfertigt, weil die Kühe gar keine Chance hatten, sich zu entwickeln.

Der alte Leitsatz „pro Jahr ein Kalb“ muss also auf den Prüfstand?

Römer: Unbedingt. Mehr Zeit für die Kuh nach der Kalbung rechnet sich. Kühe mit einer längeren Zwischenkalbezeit haben eine höhere Nutzungsdauer und erbringen eine höhere Milchleistung. Kühe sollten die Chance bekommen, alt zu werden.

Was können Tierärzte für eine längere Lebensdauer von Kühen tun?

Römer: Sie sollten Landwirte motivieren, Jungkühe häufiger und früher behandeln zu lassen, anstatt sie zu merzen. Sie sollten ihren Einfluss dahingehend geltend machen, dass drei fehlgeschlagene Besamungen kein Ausschlusskriterium für das Weiterleben sein dürfen. Eine weitere Besamung ist nicht so teuer wie die Aufzucht der nächsten Jungkuh. Und schließlich wäre es wichtig, die Eutergesundheit der Milchkühe stärker prophylaktisch anzugehen. Dabei ist es für Tierärzte als Argumentationshilfe ganz gut zu wissen, dass ihre Arbeit im Zusammenhang mit einer Mastitis nur 0,4 Prozent der Summe ausmacht, die die Erkrankung den Landwirt kostet.

Beim Thema Lebensdauer von Milchkühen scheint es fast ausschließlich um Wirtschaftlichkeit zu gehen. Wie steht es in Ihrem Alltag um die moralischen Aspekte?

Römer: Ethische Überlegungen spielen in der gesellschaftlichen Debatte über die Tierzucht eine große Rolle, und natürlich müssen wir uns damit auseinandersetzen. Etliche Landwirte müssen sich da sicher auch Kritik gefallen lassen. Dabei ergeben unsere Untersuchungen zur Lebensdauer von Milchkühen immer wieder, dass bei diesem Thema Ethik und Wirtschaftlichkeit eigentlich zusammengehen. Leider hat sich diese Erkenntnis noch nicht weit genug durchgesetzt.

 

PD Dr. Anke Römer ist seit 1992 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Tierproduktion in der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei in M-V. Sie hat 2007 im Fach „Tierhaltungssysteme" habilitiert und ist Dozentin an der Universität Rostock und der Humboldt-Universität Berlin.

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