25.04.2019

Interview: Es gibt keinen Grund zur Panik

Die Aufregung war groß im vergangenen Herbst: Erstmals hatte das West-Nil-Virus Deutschland erreicht. Bei etlichen Wildvögeln und zwei Pferden konnte der Erreger nachgewiesen werden ...

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Die Aufregung war groß im vergangenen Herbst: Erstmals hatte das West-Nil Virus Deutschland erreicht. Bei etlichen Wildvögeln und zwei Pferden konnte der Erreger nachgewiesen werden, auch infizierte sich erstmals ein Mensch: ein Veterinärpathologe, der einen verendeten Bartkauz obduzierte. Nun, einige Monate später, erläuterten die beiden Experten Prof. Dr. Karsten Feige und Prof. Dr. Klaus Osterrieder während einer Veranstaltung auf der Pferdemesse „Equitana“ ihre Einschätzung der aktuellen Lage und des Handlungsbedarfs.

 

Interview mit

Prof. Dr. Karsten Feige &
Prof. Dr. Klaus Osterrieder

Prof. Dr. Karsten Feige, ist Direktor der Klinik für Pferde in der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Prof. Dr. Klaus Osterrieder ist Leiter des Instituts für Virologie im Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin. Beide Wissenschaftler sind Mitglieder der Ständigen Impfkommission Vet (StIKoVet), einer fachlich unabhängigen Gruppe von Experten unterschiedlicher Fachrichtungen.

 

Können Sie inzwischen sagen, ob und wie sich das West- Nil-Virus (WNV) in Deutschland ausbreiten wird?

Osterrieder: Wir können nicht wirklich abschätzen, wie sich die Situation weiterentwickelt. Ein bisschen nervös sind wir schon, vor allem, weil die Klimaveränderung die Etablierung des WNV wohl fördert. Und natürlich, weil das Virus sich z.B. in den USA nach dem ersten Auftreten 1999 an der Ostküste so rasant übers ganze Land verbreitet hat. Es kann bei uns aber auch so verlaufen wie etwa in Frankreich, wo das WNV seit den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer wieder aufgetreten ist, aber doch lokal begrenzt blieb. Aber immerhin: der Vektor ist schon da: Überträger des Virus sind unsere heimischen Stechmücken, keine exotischen Arten, also. Bei bislang zwei erkrankten Pferden in Brandenburg und Sachsen-Anhalt kann man für Deutschland sicher noch nicht von einem Endemie-Gebiet sprechen. Doch wir müssen wachsam sein.
Feige: Wir müssen die Situation ernst nehmen, aber es gibt keinen Grund zur Panik.

 

Gibt es eindeutige Symptome bei Pferden, an denen eine WNV-Infektion zu erkennen ist?

Feige: Gut 90 Prozent der betroffenen Pferde durchlaufen die Infektion ohne klinische Erkrankung. Das ist die gute Nachricht. Die anderen knapp zehn Prozent entwickeln klinische Symptome, die auf eine Nervenerkrankung hinweisen: Schwächeanzeichen bis zum Festliegen, meist begleitet von Fieber, dann Ganganomalien und/oder andere Nervenausfallerscheinungen und auch Verhaltensänderungen. Das hängt immer davon ab, wo sich das Virus im Gehirn ansiedelt und Gewebe zerstört. Es kann ein sehr vielgestaltiges Krankheitsbild sein, das nicht immer eindeutig auf eine WNV-Infektion hindeutet. Bei etwa einem Drittel der Pferde mit Symptomen ist ein letaler Ausgang zu erwarten. Die vollständige Genesung bei den anderen dauert sehr lange, bis zu sechs Monaten, und häufig bleiben Schäden zurück. Die Pferde sind dann möglicherweise nicht mehr voll einsetzbar. Die Diagnose kann nicht nur anhand der klinischen Symptome und des Vorberichts gestellt werden. Es gibt labordiagnostische Methoden zum Nachweis von Antikörpern oder der Viren selbst, sodass die Diagnose sicher gestellt werden kann und – das ist sehr wichtig – den Veterinärämtern mitgeteilt werden kann.

 

Wenn so wenig Pferde klinisch erkranken, wie kann man wissen, ob nicht bereits viel mehr Tiere infiziert sind?

Feige: Wir von der TiHo haben in Hannover in Zusammenarbeit mit dem LAVES, dem niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, in den vergangenen zehn Jahren Reihenuntersuchungen auf WNV an rund 3000 Pferden gemacht, weit über Niedersachsen hinaus. Darunter waren zwei seropositive Tiere, die nicht erkrankt, sondern auf Grund einer Impfung gegen WNV positiv waren. Dies Ergebnis bezieht sich natürlich in erster Linie auf Norddeutschland.

Osterrieder: Das Nationale Referenzlabor am Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems hat sich schon seit Jahren einem intensiven Monitoring auf Flaviviren, zu denen das WNV ja gehört, verschrieben. Sie können sicher sein, dass deren Mitarbeiter nun großflächig in Deutschland und darüber hinaus schauen, wie weit das WNV und verwandte Viren sich festsetzen – oder eben nicht.


Wie sieht es mit der Therapie aus?

Feige: Leider gibt es keine kausale Therapie, sondern nur eine symptomatische, also etwa eine antientzündliche Behandlung, die Verabreichung von Diuretika bei Ödemen des ZNS oder auch die Ruhigstellung bei Pferden mit Verhaltensstörungen. Die Prophylaxe ist deshalb von großer Bedeutung, an erster Stelle steht dabei natürlich die Impfung. Aber auch Maßnahmen zur Beseitigung von Mückenbrutgebieten, also etwa alte wasserhaltige Behälter oder gelagerte Reifen, stehende Gewässer sind wichtig. Die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) empfiehlt, Pferde in bereits betroffenen Gebieten gegen WNV zu impfen. Mittelfristig sei eine flächendeckende Impfung von Pferden im gesamten Bundesgebiet anzustreben.


Stehen ausreichend Impfstoffe zur Verfügung?

Feige: Derzeit gibt es zwei verschiedene Impfstoffe, ein dritter kommt – Deutschland ist versorgt. Übrigens sollten natürlich besonders Tiere, die in Endemie-Gebiete, etwa nach Italien, gebracht werden, unbedingt geimpft werden. Ganz wichtig beim Thema impfen ist, auch und besonders in der Argumentation gegenüber den Pferdehaltern: Da das Virus nicht von Pferd zu Pferd übertragen wird, sondern nur von Mücken direkt übertragen wird, ist eine Impfung hier besonders wirksam. Also im Unterschied etwa zur Herpes-Impfung, bei der immer eine bestimmte Impfquote in einem Bestand erreicht sein muss, damit es einen Schutz gibt, kann bei der WNV-Impfung jedes einzelne Tier sofort geschützt werden.

 

Ist es ratsam, ein seropositives Pferd nachträglich zu immunisieren oder ist es dauerhaft geschützt?

Feige: Man sollte so ein Tier impfen, die Immunität nach durchgemachter Infektion geht schon nach kurzer Zeit wieder verloren.

 

Sollten Tierärzte auch in den westlichen Bundesländern Pferdehaltern bereits die Impfung empfehlen oder sollten sie erst einmal abwarten, wo die nächsten Fälle auftreten?

Osterrieder: Ich glaube, man muss hier ein bisschen auf Sicht fahren. Man kann einer Mücke natürlich nicht sagen, wo sie ihr Endemiegebiet hat, andererseits sollte man – um ganz im Bild zu bleiben – nicht alle Pferde scheu machen..
Feige: Wir können hier gut auf die Seite der StIKo Vet verweisen, da kommen ständig neue Erkenntnisse rein und die Empfehlungen werden zeitnah angepasst. Aber derzeit gibt es noch keinen Grund, unbedingt jedes Pferd sofort zu impfen.

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Das West-Nil-Virus
Das 1937 erstmals in Uganda isolierte West-Nil-Virus (WNV) hat sich in den vergangenen Jahren weltweit ausgebreitet. Im September 2018 wurde es erstmalig bei Pferden in Deutschland nachgewiesen. Auch ein Mensch
infizierte sich. Es handelt sich beim WNV um ein Arbovirus, das durch Mücken übertragen wird und in einem Vogel-Stechmücke-Vogel-Kreislauf zirkuliert. Nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts kommen heimische Mückenarten als
Überträger des West-Nil-Virus in Frage. Laborexperimente haben gezeigt, dass etwa die Gemeine Stechmücke (Culex pipiens) das Virus nicht nur in sich tragen kann, sondern auch in der Lage ist, den Erreger zu übertragen. Pferde und Menschen können als „nicht definitive Wirte“ infiziert werden und schwer erkranken. Sie können das Virus aber nicht replizieren. Bei Menschen gab es im Jahr 2018 europaweit rund 2000 WNV-Erkrankungen und 180 Todesfälle. Einen Impfstoff gegen das Virus gibt es für den Menschen nicht. Die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) empfiehlt, Pferde in bereits betroffenen Gebieten gegen WNV zu impfen. In diesen Gebieten sollte die Grundimmunisierung vor Beginn der nächsten Mückensaison, also vor Ende Mai 2019, abgeschlossen sein. Je nach Verlauf der Seuche ist mittelfristig eine
flächendeckende Impfung von Pferden im gesamten Bundesgebiet anzustreben.

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