06.11.2019

Interview mit Prof. Dr. Blaha und Dr. Dayen

"Die wenigsten Haltungsmängel sind einer fehlenden Empathie der Tierhalter geschuldet – sondern Unkenntnis" Die Tierärztliche Plattform Tierschutz (TPT) wurde 2018 von den fünf Berufsverbänden ...

Prof. Dr. Thomas Blaha

»Die wenigsten Haltungsmängel sind einer fehlenden Empathie der Tierhalter geschuldet – sondern Unkenntnis«

Die Tierärztliche Plattform Tierschutz (TPT) wurde 2018 von den fünf Berufsverbänden der Tiermedizin (BTK, BbT, bpt, DVG und TVT) gegründet. Das Ziel der Plattform ist, mit tierärztlicher Kompetenz die Anliegen und Fragen der Gesellschaft zu Themen des Tierschutzes aufzugreifen, diesen mit tierärztlicher Kompetenz zu begegnen, Positionen mit einer Stimme in der gesellschaftlichen Debatte zu vertreten und zu verfolgen. Messbare Verbesserungen der Lebensqualität unserer Heim- und Haustiere sind nur zu erreichen, wenn alle mit gegenseitigem Respekt den – ggf. nach kontroversem Gedankenaustausch erreichten – Konsens und die gemeinsamen Ziele verfolgen. Die zweite Tagung der TPT fand im Juni des Jahres statt und befasste sich mit dem Thema „Haus- und Heimtiere zwischen Tierliebe und Tierleid“.

Prof. Dr. Thomas Blaha ist emeritierter Universitätsprofessor der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Von 2007 bis 2018 war er Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT), einer Vereinigung, die für wirksamen und zielgerichteten Tierschutz eintritt. In zahlreichen nationalen und internationalen Gremien setzt er sich für den Tierschutz ein, er ist Initiator der Gründung der TPT. Dr. Maria Dayen war von 2005 bis 2015 Leiterin der Abteilung Lebensmittelsicherheit, Veterinärwesen, Verbraucherschutz und Fischerei in Mecklenburg-Vorpommern und ist seit 2016 stellvertretende Vorsitzende im Tierschutzausschuss der Bundestierärztekammer e. V.

Dr. Maria Dayen

Interview

Das Thema „Tierschutz” beschäftigt seit geraumer Zeit die politischen Diskussionen wie selten zuvor. Was war der Anlass für Sie, gerade die „Haus- und Heimtiere“ aus der breitgefächerten öffentlichen Diskussion aufzugreifen?

Thomas Blaha: Seit dem Jahr 2002 steht der Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz. Jeder Tierhalter ist verpflichtet, sicherzustellen, dass alle tierschutzrechtlichen Vorgaben zuverlässig eingehalten werden; den Veterinärämtern als zuständigen Behörden obliegt es, die Einhaltung der tierschutzrelevanten Vorschriften zu überwachen. Nachdem der Fokus viele Jahre auf die Nutztierhaltung gelegt wurde, hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) im Jahr 2015 das EXOPET Forschungsvorhaben begonnen. Ziel der Studie war es, für die unterschiedlichen Tiergruppen der Heimtierhaltung eine Situationsanalyse zu erstellen, diese zu bewerten und einen möglichen Handlungsbedarf zu erarbeiten, um das Wohl unserer (exotischen) Haus- und Heimtiere noch weiter zu verbessern. Diese EXOPET-Studie war längst überfällig, weil das Ausmaß der Haltungsmängel, und damit das Ausmaß des stummen Tierleids, weit unterschätzt wird, und weil in den Medien die Haus- und Heimtierhaltung eigentlich immer nur als eine „gute Sache mit viel Tierliebe“ daherkommt. Wenn nun nicht aktiv Schlussfolgerungen gezogen und kluge Steuerungsinstrumente erdacht werden, wird sich auch in Jahren durch EXOPET nichts geändert haben.

Hat die EXOPET-Studie Aufschluss darüber gegeben, worauf Mängel bei der Haltung von Heimtieren in Privathaushalten zurückzuführen sind?

Maria Dayen: Die wenigsten Haltungs- und Betreuungsmängel sind einer fehlenden Empathie der Tierhalter geschuldet, sondern schlichtweg der Unkenntnis. Daher muss die Annahme, dass „Empathie“ das Wichtigste sei, um Haus- und Heimtiere bedarfsund bedürfnisgerecht zu halten, präzisiert werden. Nur „kognitive Empathie“, also auf dem Wissen um die art- und tierspezifischen Bedürfnisse und Verhaltensrepertoire aufbauende Fürsorge befähigt Menschen, den §2 des TierSchG einzuhalten. Daraus abgeleitet ist die Forderung nach mehr „Sachkunde“ ein zentraler Hebel, um die Lebensbedingungen von Tieren in Privathand maßgeblich zu verbessern.

Sie sprechen den §2 des Tierschutzgesetzes an. Dieser besagt, dass „jeder, der ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat …über die erforderlichen Kenntnisse verfügen” muss. Ist das realistisch? Was ist mit dem 12-jährigen Kind, das sich einen Hamster oder eine Schildkröte zu Weihnachten wünscht?

Thomas Blaha: Die private Heimtierhaltung zählt nicht zu der verpflichtenden und nachzuweisenden "Sachkunde" im TierSchG an die erlaubnispflichtigen Tätigkeiten (§11 TierSchG). Daher bedarf es innovativer Konzepte, wie man das "Wissen über eine tierschutzkonforme Tierhaltung im privaten Umfeld" als Voraussetzung für die Anschaffung von Tieren machen kann: Ist eine „Heimtier-VO“ zielführend und kontrollierbar? Kann man Sachkunde nach Schwierigkeitsgrad der Tierhaltung (z.B. für hoch anspruchsvolle Tiere oder Gefahrtiere) abstufen? Kann man nach dem Muster des „Wahl-OMat“
eine Entscheidungshilfe entwickeln, die anders als der „Heimtierkompass“
nicht nur die Bedürfnisse der Tiere beschreibt, sondern nach den Lebensbedingungen der potenziellen Tierhalter fragt und dann Positiv- oder Negativ-Empfehlungen abgibt? Wie kann man die unterschiedlichen Ausgangssituationen wie Lern- und Bildungsstand in einer solchen Kategorisierung berücksichtigen? Hält man sich vor Augen, wie häufig tatsächlich ein Kinderwunsch für die Anschaffung eines Heimtieres entscheidend ist, sollten Antworten und Wege gefunden werden, das „Über-Tiere-richtig-denken“, eben den Tierschutz, schon in die Schulen und Kindergärten zu transportieren. Es müssen Informationskanäle erschlossen werden, die sowohl für ältere Menschen als auch für Familien und Kinder leicht und zuverlässig nutzbar sind. Ein Youtube-Kanal, Facebook, Instagram, Zeitungen, Infomaterial für Schulen können geeignete Medien sein, um Tierhalter zu erreichen. Wichtig ist es, den Bedarf nach Fachkenntnis zu wecken. Es muss „hipp“ sein, Wissen über Tiere zu erwerben. Wichtig ist es, „fachlich“ geprüftes Wissen zur Tierhaltung zu vermitteln. Hier sind insbesondere auch die Tierärzte gefordert. Unabhängig davon, dass der Hamster als nachtaktives Tier für die tagaktiven Kinder ungeeignet sein dürfte, müssen die Eltern die Verantwortung für die Tierhaltung übernehmen; das Tierschutzrecht erlaubt die Abgabe von Wirbeltieren an Kinder oder Jugendliche bis zum vollendeten Lebensjahr nur mit Zustimmung des Erziehungsberechtigten.

Der Internethandel macht auch vor dem Handel mit lebenden Tieren keinen Halt. Gibt es hier überhaupt Einflussmöglichkeiten durch die Überwachungsbehörden?

Thomas Blaha: Überwachung des Internethandels ist ausgesprochen schwierig. Es wurde u. a. vorgeschlagen, hier am Beispiel der Lebensmittelüberwachung eine behördenübergreifende, zentrale Stelle mit dieser Aufgabe zu betrauen.

Welche Rolle spielt der praktizierende Tierarzt in diesem System? Wie kann bzw. sollte er Einfluss nehmen?

Maria Dayen: Der praktizierende Tierarzt kann durch Aufklärungund Gespräche mit dem Tierhalter Einfluss auf die Haltungsbedingungen nehmen. Bei gravierenden Verstößen und unbelehrbaren Tierhaltern muss die zuständige Behörde, das Veterinäramt, informiert werden, um eine gezielte Kontrolle durchführen zu können. Es sollte einen intensiveren, unkomplizierten Erfahrungsaustausch zwischen Amtstierärzten und praktizierenden Tierärzten geben, um Effekte zugunsten des Tierschutzes zu bewirken. Gemeinsam sollten wir darüber nachdenken, welche Ansätze gefunden werden können, das Wissen in der Heimtierhaltung anzuheben.

Sollte nach Ihrer Meinung der Gesetzgeber verstärkt in diesen Bereich des privaten Lebens eingreifen, beispielsweise mit Vorgaben, Verboten, Kontrollen des Tierhalters?

Maria Dayen: Grundsätzlich wird die Tiergerechtheit einer Tierhaltung durch die Haltungseinrichtungen und das Management bestimmt. Mit einer verpflichtenden die Zulassung von Haltungseinrichtungen und -zubehör und dem Verbot des Verkaufs von eindeutig nicht tierschutzkonformen Haltungseinrichtungen und -zubehör könnte der Schutz der Heimtiere deutlich verbessert werden- Eine Labelung (z. B. Tierschutzsiegel) könnte ein erster Schritt sein, müsste aber mit dem Unterbinden des Verkaufs von den Tieren nicht zuträglichen Systemen gekoppelt werden. Gleichzeitig muss der Fachkundige – der Züchter oder z.B. der Zoofachhändler – als Experte und Ansprechpartner für alle Fragen der Heimtierhaltung einerseits besser geschult und andererseits besser wahrgenommen werden. Es wurde diskutiert, dass mit der Übergabe eines Heimtieres an einen neuen Besitzer auch die Verantwortung für das Tier übergeben wird Daraus könnte ggf. eine Pflicht für den fachkundige Züchter oder Zoofachhändler erwachsen, sich davon zu überzeugen, dass der neue Besitzer über ausreichende Kenntnisse und Fähigkeiten verfügt.

Sie haben auf Ihrer Fachtagung viele verschiedene Experten und Sichtweisen zusammengebracht. Viele Diskussionen wurden auch vorher bereits in den einzelnen Fachgruppen tiefgehend und engagiert geführt. Wird sich jetzt etwas ändern? Wie wollen Sie die Arbeitsergebnisse dieser Tage mit Leben füllen?

Thomas Blaha: Die Tagung hat einen ausführlichen Gedankenund Erfahrungsaustausch zwischen Tierärzten unterschiedlicher Spezialisierung und nichttierärztlichen Tierhaltervertretern ermöglicht. Es gab zu allen Handlungsbereichen viele und z.T. sehr unterschiedliche Vorschläge für konkrete Tierschutzverbesserungen. Wir werden in den nächsten Monaten über E-Mail-Foren oder geschützte Webseiten diese Ansätze weiterentwickeln, um an Entscheidungshilfen für die Politik, die Überwachung und für den Zoofachhandel aktiv mitzuwirken. Das ist eine konkrete Verabredung aller Teilnehmer der Tagung! Die TPT stellt die Online-Diskussionsplattform dazu zur Verfügung.

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