02.07.2018

Mit Impfungen Infektionsketten unterbrechen

Vor kurzem fanden wieder die alljährlichen Schweinefachtage von Boehringer Ingelheim statt. Diese Fortbildungsveranstaltung richtete sich an Tierärzte in den verschiedenen Regionen...

Abb. 1
Abb. 2

Mit Impfungen Infektionsketten unterbrechen
Bericht von der Schweinefachtagung 2018 von Boehringer Ingelheim

von Heike Engels

 

Vor kurzem fanden wieder die alljährlichen Schweinefachtage von Boehringer
Ingelheim statt. Diese Fortbildungsveranstaltung richtete sich an Tierärzte in
den verschiedenen Regionen Deutschlands und bot aktuelle Informationen zu
altbekannten Erregern wie Mykoplasmen, PRRS-Virus und auch neue Erkenntnisse zu Mykotoxinen.

 

PRRS-Impfung & Co.

Dr. Rolf Steens, Tierarzt bei Boehringer Ingelheim, stellte die Ergebnisse verschiedener Studien zu PRRS vor. Bei hoch pathogenen PRRS-Viren konnte in einer Studie eine starke Wirksamkeit durch den speziellen Sauenimpfstoff gezeigt werden. Wenn bei einem Ausbruch geimpft wird, muss allerdings daran gedacht werden, dass bereits im Uterus infizierte Ferkel (ab dem 72. Trächtigkeitstag kann das Virus die Plazentaschranke überschritten haben) nicht mehr durch die Sauenimpfung geschützt werden können. Diese folgenden Abferkelgruppen können also noch Schäden durch die intrauterine Infektion zeigen, bis ca. nach neun Wochen die ersten komplett geschützten Würfe geboren werden. Eine Studie, in der Ferkel mit unterschiedlich hohen Virusmengen infiziert wurden, zeigte, dass es immer Ziel sein sollte den Virusdruck so niedrig wie möglich zu halten. Dies erfolgt durch die Impfung selber, sie sollte aber immer von Maßnahmen zur Vermeidung von Keimverschleppung begleitet werden, denn bei PRRS reichen bereits kleinste Mengen des Virus, um eine neue Infektion zu setzen, wenn diese in die Blutbahn oder die Lunge gelangen. Das PRRS-Virus ist persistent: Die Überlebenszeit in Wasser beträgt elf Tage, in Gülle sind es sieben Tage, bei 37 °C drei Stunden, unter UV-Licht zehn Minuten und Hitze ab 56 °C schädigt das Virus innerhalb von sechs Minuten. Mit einer geeigneten Desinfektion lässt sich das Virus jedoch schnell eliminieren: Jod oder quartärnäre Ammoniumverbindungen töten das Virus innerhalb von einer Minute ab. Auf Herdenbasis erzielt die Gesamtbestandsimpfung, also die Impfung sowohl von Sauen wie auch Ferkeln den größtmöglichen Nutzen. Mit optimierten Management- und Biosicherheitsmaßnahmen lassen sich die Herausforderungen des Impfschutzes reduzieren.

 

Strategisches Vorgehen hilft bei PRRS-Bekämpfung

Dr. Henning Hoffschulte, Tierarzt aus Wohlsdorf, empfahl in diesem Zusammenhang, Schweinebetriebe einer Risikoanalyse zu unterziehen. Diese basiert auf der Zieldefinition (was will ich erreichen: Sanierung oder stabilen PRRS-Status), der PRRS-Statusbestimmung mittels Diagnostik, der eigentlichen Risikoanalyse, der Erarbeitung von Lösungsansätzen sowie der Erfolgskontrolle mittels Monitoring der Erfolgsparameter wie Tageszunahmen etc. Am Beispiel eines Sauenbetriebs schilderte er, wie mit Hilfe der Biosicherheits-App „Combat“ der Betrieb auf seine interne und externe Biosicherheit, sein Management und seine Umgebung analysiert wurde. Mit einem weiteren Programm namens p-Track kann jeder Mitarbeiter auf seinen Wegen durch die Anlage verfolgt werden, um herauszufinden, welche Wege häufig genutzt werden und welches Risiko der Erregerübertragung damit verbunden ist. Im Praxisbeispiel stellten Tierarzt und Landwirt als Lösungsansatz noch das Impfschema auf Gesamtbestandimpfung um, also Sauen und Ferkel impfen, um den Virusdruck zu reduzieren. Diese Maßnahme zeigte einen deutlichen Erfolg. Die zuvor unzufriedenen Mäster meldeten wieder stabile gesunde Tiere ohne Antibiotikaeinsatz zurück.

 

Mykoplasmen erfordern gründliche Diagnostik

Prof. Mathias Ritzmann, LMU München, erinnerte daran, dass die durch Mykoplasmen verursachte Klinik unspezifisch ist, deshalb ist neben einer klinischen Untersuchung, gegebenenfalls mit Erfassung des Hustenindex, eine gründliche Diagnostik notwendig (Abb. 1). Die Klinik und die Veränderungen an den Lungen hängen ab von dem Zeitpunkt der Infektion sowie der Erregermenge. Bei der Diagnostik ist darauf zu achten, eine große Stichprobenmenge zu verwenden, weil die Standardabweichung innerhalb
der Ergebnisse recht hoch ist. Welche Art der Probennahme im jeweiligen Betrieb angewendet wird, ist je nach Fall zu entscheiden. Gute Nachweisergebnisse erzielt man mit einem Tracheobronchialabstrich (TBS), aber auch die Lungenspülung, wie sie in den USA häufiger angewendet wird, ist aussagekräftig. Der Nasentupfer ist bei Mykoplasmen weniger empfehlenswert, hier liegt die Nachweisrate nur bei zehn Prozent. Außerdem sind Mehrfachinfektionen zu berücksichtigen, da Mykoplasmen häufig gemeinsam mit weiteren Erregern wie PRRS oder PCV2 auftreten. Die Impfung der Ferkel hat sich weltweit bewährt, um die Schäden einer Mykoplasmeninfektion zu vermindern. Der optimale Impfzeitpunkt der Ferkel ist abhängig vom Alter, dem Infektionszeitpunkt, dem Immunstatus sowie anderen Infektionen und nichtinfektiösen Einflussfaktoren wie Absetzen, Umstallen oder Futterwechsel. Prof. Ritzmann empfahl, die Ferkel tendenziell drei Tage vor dem Absetzen zu impfen als direkt während des Absetzens, um den Stress auf das Tier zu minimieren. Bei der Jungsaueneingliederung sollten die Jungsauen Kontakt zu Mykoplasmen ausscheidenden Altsauen bekommen, damit eine natürliche Infektion der Jungsauen und damit eine Stimulation des Immunsystems stattfinden kann. Geschieht die Eingliederung im Alter von 50 Tagen, erfolgt die Ausscheidung der Mykoplasmen meistens 4 bis 6 Wochen lang, zur Abferkelung sind die Jungsauen dann zumeist bereits negativ bzw. scheiden nur noch geringe Erregermengen aus. Ziel sollte ein einheitlicher Immunstatus unter den Sauen sein. Eine Impfung der Jungsauen ist sinnvoll, zusätzlich ist auch die Impfung der Altsauen in manchen Betrieben empfehlenswert (z. B. bei frühen Infektionen oder hohem Erregerdruck). Eine Impfung dient auch der Infektionskettenunterbrechung, denn ist die Erregerprävalenz im Bestand so gering wie möglich, können behandlungswürdige Erkrankungen nachhaltig verringert werden.

 

Darmgesundheit in den Fokus rücken

Dass Mykotoxine heute als die wichtigsten Futtermittelkontaminanten gelten,
erklärte Frau Prof. Johanna Fink- Gremmels, Utrecht Universität (Abb. 2).
Die Belastung des Ernteguts mit phytopathogenen Schimmelpilzen nimmt zu
und die Bildung der Mykotoxine startet bereits vor der Ernte. Der Grund dafür ist noch unbekannt, man vermutet jedoch, dass Veränderungen in der Bodenstruktur, Monokulturen und die Mulchsaat die Anfälligkeit von Pflanzen für einen Schimmelpilzbefall und damit die Mykotoxinbelastung des Erntegutes befördern. Futtermittel enthalten häufig komplexe Mischungen von Mykotoxinen, die untereinander synergistische Effekte haben können. Die sogenannten maskierten Mykotoxine lassen sich nur mit neueren Methoden nachweisen, so dass von einer höheren Belastung auszugehen ist. Das wichtigste Mykotoxin in Deutschland ist DON (Deoxynivalenol). Die Tiere unterliegen einer regelmäßigen Exposition durch Mais- und Getreideprodukte (vor allem Weizen) in der Ration. Nahezu 100 Prozent des Weizens sind mit DON belastet, die Frage ist nur, wie hoch die Konzentration in der jeweiligen Charge ist. Die Aufnahme von DON führt zu Appetitlosigkeit und schädigt die Ribosomen schnellwachsender Zellen wie Schleimhautzellen; diese gehen dadurch in einen langsamen, organsierten Zelltod. Das erste Zielorgan nach oraler Aufnahme der Mykotoxine ist der Darm. Mykotoxine beschädigen die Darmbarriere, lösen damit eine Entzündungsreaktion im Körper aus und beeinflussen damit direkt und indirekt das Immunsystem. Darunter leidet die Tiergesundheit: Erhöhte Infektanfälligkeit, Reaktivierung subklinischer oder chronischer Infektionen sowie eine mögliche Beeinflussung der Immunantwort nach Impfungen sind die Folgen. Der Grund dafür liegt in der Tatsache begründet, dass 60 bis 70 Prozent des Immunsystems im Darm lokalisiert ist und durch die Mykotoxine geschädigt wird. Zudem gelangen Mykotoxine auch ins Kolostrum und die Milch der Sau, so dass die Ferkel schon beim ersten Saugakt Mykotoxine aufnehmen mit den entsprechenden negativen Folgen einer Entzündungsreaktion wie u.a. Schwanz- und Ohrnekrosen. Frau Prof. Fink-Gremmels riet, beim Futtermittelkauf den Händler auf sein Mykotoxinkontrollprogramm anzusprechen. Über eine gründliche Reinigung des Getreides (Staub, Spelzen und Bruchkorn abtrennen) kann bereits eine deutliche Reduktion der Mykotoxinbelastung erreicht werden. Mykotoxinbinder reduzieren die negativen Effekte der Mykotoxine. Es gibt verschiedene Produkte, die unterschiedlich gut wirken. Die beste Wirkung erzielen Enzyme, allerdings sind diese toxinspezifisch, weshalb insbesondere Enzymkombinationen ratsam sind. Für den Tierarzt sieht sie mit einem Darmmanagement-Programm eine neue Beratungsaufgabe, denn da sich der größte Teil des Immunsystems im Darm befindet, ist es sehr wichtig, genau dieses Organ vermehrt in den Fokus der Tiergesundheit zu rücken.

 

Kontakt:
Dr. Heike Engels
Agrarjournalismus & PR-Beratung
Langenkamp 2
28857 Syke
mail@heikeswelten.de
www.heikeswelten.de

 

Abb. 1: Prof. Mathias Ritzmann, LMU München, erinnerte daran, dass die
durch Mykoplasmen verursachte Klinik unspezifisch ist.

Abb. 2: Dass Mykotoxine heute als die wichtigsten Futtermittelkontaminanten
gelten, erklärte Frau Prof. Johanna Fink-Gremmels, Utrecht Universität.

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