28.09.2018

Vernetzt oder verheddert? Chancen und Risiken der digitalen Nutztierhaltung

Mit Kraftfutterstationen und ersten einfachen Herdenmanagementprogrammen begann die digitale ...

Abb. 1: Relevante Daten für ein erfolgreiches Management.

Mit Kraftfutterstationen und ersten einfachen Herdenmanagementprogrammen
begann die digitale Revolution in zukunftsorientierten Milchviehbetrieben bereits vor über 20 Jahren. In der Kombination mit den Ergebnissen der Milchleistungsprüfung hatten Milchviehhalter schon damals die Gelegenheit, ihre Milchkühe individuell und bedarfs- gerecht und automatisiert mit Milchleistungsfutter zu versorgen. Mit der Installation der Milchmengenmessung konnte die Kraftfutterzuteilung später weiter optimiert werden. Mit der Entwicklung von Melkrobotern wurde erstmals ein kompletter Arbeitsprozess, das Melken, automatisiert. Elektronische Techniken zur Steuerung von Melkständen und der Kühl- und Reinigungstechnik führten zu einer weiteren Optimierung der Milcherzeugung und Sicherung der Milchqualität. Die Steuerung dieser Techniken erfolgt in erster Linie über Sensoren, deren Messwerte als Datengrundlage für die Umsetzung und Durchführung von Prozessen dienen. Neben den klassischen Sensoren für die Messung von Temperatur und Zeit wurden im Laufe der Zeit immer neuere entwickelt, die z. B. am Tier die Aktivität, die Wiederkauschläge oder gar den pH-Wert im Pansen messen können. In Kombination mit den manuell eingegeben Daten aus dem Herdenmanagement, den Daten aus der Milchleistungsprüfung und den automatisch erfassten Daten der eingesetzten Sensoren entstehen auf diese Weise Datensammlungen von unvorstellbarer Größe. Über Listengeneratoren können diese Zahlenwerke und Zahlenkolonnen dann durch den Landwirt zur Analyse aller erdenklichen Prozessen und Fragestellungen wieder zusammengestellt und ausgewertet werden.

Wer nutzt die Daten, wann und wofür?
Aber es stellt sich die Frage, wer nutzt die Daten, wann und wofür? Nicht jeder
Landwirt nutzt das große Potential relevanter Daten. Auch wenn über 70 % der
Milchviehhalter die regelmäßige Milchleistungsprüfung in ihrer Herde durchführen lassen, fließen die daraus resultierenden Daten und Informationen auch heute noch nicht oder häufig zu wenig in die Produktionsprozesse und Entscheidungsroutinen ein. Bei den Sensoren im Melkstand, in der Fütterung und im Management fallen täglich Daten an, die dazu geeignet wären, gewinnbringende Auswertungen durchzuführen. Die Analyse und Auswertung bedarf aber Zeit und Struktur in den Arbeitsprozessen. Aber selbst heute noch arbeiten viele Landwirte intuitiv und treffen ihre Entscheidungen lieber aufgrund von Erfahrungen und / oder Traditionen.
Andere Milcherzeuger wiederum sind zu sehr auf die Nutzung dieser Daten fokussiert. Leider kommt es aber auch vor, dass sie dabei mitunter relevante Veränderungen unmittelbar am Tier oder im Stall übersehen. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass Landwirte sich im Rahmen ihres Managements darüber Gedanken machen, inwieweit sie in Sensoren und Sensor gestützte Prozesse investieren. Sie müssen sich klar darüber sein, welche Vorteile Daten und Informationen für ein erfolgreiches Management haben können.
Für einen nachhaltigen und erfolgreichen Einsatz von Daten ist es wichtig, die Daten zu strukturieren. Nicht alle Daten sind zur Bewertung notwendig. Es gibt Daten wie z. B. die Informationen aus der HIT Datenbank, die in erster Linie dazu dienen, Tierbestände in Abhängigkeit der temporären Zu- und Abgänge ganzheitlich zu dokumentieren. Auch für QS Kontrollen ist es lediglich notwendig, die tierbezogenen Stammdaten zu speichern und zur eventuellen Dokumentation auszudrucken. Darüber hinaus haben solche Daten und Informationen keinen oder nur einen geringen Stellenwert. Andere Daten dienen als Grundlage für Entscheidungen. So helfen z. B. Leistungsdaten
dem Landwirt im Rahmen des Managements die richtigen Entscheidungen in
Bezug auf eine gezielte Anpaarung zu treffen. Eine dritte Gruppe von Daten
dienen zur Steuerung von Prozessen bzw. Maßnahmen. Sie dienen als Grundlage für Torsteuerungen und oder zur Durchführung von Arbeitsroutinen. Der Melkkroboter entscheidet z. B. automatisch aufgrund der Datenlage, ob und wann eine Kuh gemolken wird.

Im Rahmen der Digitalisierung geht es nicht alleine darum Daten zu bewerten, sondern um die ganzheitliche Abbildung und Steuerung von Prozessen und Entscheidungen aufgrund festgelegter Algorithmen. Für den Landwirt ist es wichtig, die Daten in seinem Betrieb effizient zu nutzen. Er muss lernen, die für seine Entscheidungen relevanten Daten von den weniger oder nichtrelevanten Daten zu unterscheiden.


Die Kompetenz aller Beteiligten bündeln
Aber auch im Zusammenspiel zwischen Landwirt, Tierarzt und Berater spielen Daten eine entscheidende Rolle. Durch die unterschiedlichen Blickwinkel und Interpretationen der beteiligten Akteure entsteht ein Bild, welches sich als Grundlage wichtiger Diskussionen und daraus resultierender Entscheidungen als wertvolles Tool im Management erweist. Dieses Netzwerk gilt es zu festigen. Die Bündelung der Kompetenzen aller Beteiligten und der jeweils fachspezifische Blick auf die Dinge sind bei der Bewertung der Daten und Festlegung von Maßnahmen von großer Bedeutung. Für diesen Zweck aber müssen die Daten gut aufgearbeitet, relevante Informationen auf den Punkt gebracht werden. Dies wird zur Voraussetzung einer guten Zusammenarbeit. Hier gilt es vor allem, sich gut zu vernetzen. Dies verhindert, sich im Datennetz zu verheddern. Mechanisierung, Automatisierung und Datenmanagement sind die Grundsteine einer nachhaltigen Digitalisierung in der Milchviehhaltung. Datenkompetenz, präventives Management und Disziplin in den täglichen Routinen sind die Attribute eines modern arbeitenden Milchviehhalters. Agieren statt reagieren und die Einstellung aller Schrauben permanent überblicken sind die Kompetenzen, die gefragt sind. So sind Milcherzeuger für die Digitalisierung gut aufgestellt und in der Lage, ihre Kühe tiergerecht zu managen und erfolgreich zu wirtschaften.

Kontakt:
Andreas Pelzer
Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen
Leiter des Sachbereiches Rinderhaltung, Speziallehrgänge in der Milchviehhaltung, Bau- und produktionstechnische Beratung, Projektbetreuung

Versuchs- und Bildungszentrum
Landwirtschaft Haus Düsse
Haus Düsse 2
59505 Bad Sassendorf
andreas.pelzer@lwk.nrw.de

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